30 Jahre deutsche Wiedervereinigung – Dankbarkeit und Wut

Die westdeutschen linken Eliten haben die Wiedervereinigung nicht gewollt. Und auch die Kohl-Regierung hat große Fehler gemacht. Heute ist vieles geglückt – aber ich kann die enttäuschten Hoffnungen vieler verstehen.

Als die Mauer fiel, war ich zehn Jahre alt. Meine Mutter weckte mich am Abend des 9. November 1989, holte mich zum Fernseher. Ihr kamen die Tränen, als sie die Bilder sah. Deutschlandfahnen, Menschen feiern und jubeln am Brandenburger Tor. Ein paar Monate später, im Winter 1989/1990 fuhr ich mit meinem Vater nach Dresden, zu Bekannten; für mich war es das erste Mal in meinem Leben in der DDR. Mein Vater hatte das Dresdner Ehepaar im November 1989 nach einem Aufruf des Roten Kreuzes, DDR-Bürger zu empfangen, am Münchner Hauptbahnhof aufgegabelt und bei sich untergebracht. Nun der Besuch bei ihnen, in Freital nahe Dresden.

Am Grenzübergang zwischen Bayern und Sachsen stoppten wir, gingen auf ein Feld, den ehemaligen Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze entlang. Es war bitterkalt. Wir kletterten auf einen der verlassenen Wachtürme. Die Scheiben in der Wachstube waren zersplittert, es zog ein eisiger Wind durch. Hier oben hatten DDR-Grenzsoldaten endlose Nächte gestanden und überwacht, ob nicht ein „Republikflüchtiger“ die Grenzanlagen zu überwinden versuchte. Als wir in Dresden aus unserem Auto stiegen, fiel mir der beißende Rauch in der Luft, der Geruch von den vielen Kohleheizungen auf. Wir konnten die ersten Minuten kaum atmen. Überall graue Fassaden mit herabblätterndem Putz. Von der Frauenkirche stand nur ein Mauerteil, der Rest war ein großer Trümmerhaufen. Davor das Luther-Denkmal.

Was hat sich seitdem alles getan, seit dem Untergang des SED-Staats. Das einstige graue Land ist neu erblüht. So viele wunderbare Reisen haben wir seitdem in die Ex-DDR, die „neuen Länder“ unternommen: Dresden, Leipzig, Erfurt, Weimar, Eisenach, Magdeburg, Potsdam, Berlin, die Mecklenburgische Seenplatte, Spreewald, Stralsund, Rügen.

Einer meiner besten Freunde, heute Patenonkel eines meiner Söhne, ist Brandenburger. Er wurde geboren als Sohn eines Pastors nördlich von Berlin, in der Uckermark. Seine Familie kannte die Kasners und auch die Tochter des „Roten Kasners“, er traf sie auf Grillfesten unter Pfarrern in der späten DDR. Für ihn kam das Ende der DDR gerade rechtzeitig. Trotz guten Abiturs wollte die SED nicht, dass der Pfarrerssohn studiert, der nicht in der FDJ war (anders als des Kasners Tochter), er musste eine Lehre machen. Erst nach dem Mauerfall durfte er an die Uni. Heute hat er schöne Karriere gemacht und lebt, nach Stationen in Berlin, London, Moskau und Dresden, mit seiner Familie in Sachsen auf dem Land.

Ein Großteil der westdeutschen linken Intellektuellen und der politischen Elite hat die Wiedervereinigung nicht gewollt. Sehr viele, vielleicht sogar die meisten tonangebenden westlichen Meinungsführer waren 1989 gegen die Wiedervereinigung, manche polemisierten regelrecht. Der damalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer schrieb in seinem Blatt: „Wer heute das Gerippe der deutschen Einheit aus dem Schrank holt, kann alle anderen nur in Angst und Schrecken versetzen“. Der spätere Bundeskanzler Schröder bezeichnete wenige Monate vor dem Mauerfall eine auf die Wiedervereinigung gerichtete Politik als „reaktionär und hochgradig gefährlich“. Ein anderer großer SPD-Politiker verdammte selbst den Gebrauch des Wortes „Wiedervereinigung“ als „opportunistisch und widerwärtig“, Egon Bahr warnte damals dringend vor der „politischen Umweltverschmutzung“ einer „Illusion der Wiedervereinigung“.

In den westdeutschen linksliberalen Medien wurde schon seit den 1960er Jahren die DDR schöngefärbt, wie es der Historiker Jens Hacker dargestellt hat. Sie verbreiteten ein geschöntes Bild der DDR. Selbstkritisch bemerkte die WDR-Redakteurin Carola Stern nach 1989 zur Haltung der „Anhänger der Entspannungspolitik“: „Eine ganze Zeit lang gehörte es in den Redaktionsstuben nicht zum guten Ton, allzu ‚Unfreundliches‘ über den SED-Staat mitzuteilen. … Wir glichen uns dem allgemeinen Klima an, und so kam es schließlich, dass wir ein viel zu positives Bild der DDR vermittelt haben.“ Und Klaus Bresser hat als ZDF-Chefredakteur 1990 zugegeben, dass der „Mainstream“ einer Fiktion über die DDR erlegen sei, nämlich der „Fiktion einer materiell halbwegs saturierten Gesellschaft, die von der Herrschaft der Nomenklatura längst zu einem Regime von Spezialisten in Wirtschaft, Technik und Forschung übergegangen sei“. Wer auf die repressiven Seiten des kommunistischen Herrschaftssystems hinwies, wie etwa Gerhard Löwenthal, wurde als „Kalter Krieger“ diffamiert. Alles in allem haben viele Medien in ihrer Berichterstattung über die DDR versagt.

1989 war also alles vorbei. Die DDR kollabierte. Ich freute mich, konnte aber die Tragweite der Entwicklung damals in keiner Weise verstehen. Die DDR war pleite, gescheitert an ihrem eigenen System, der sozialistischen Planwirtschaft.

Im sogenannten Schürer-Bericht, einem Geheimgutachten für die SED-Spitze, hatte der damalige hohe DDR-Funktionär Gerhard Schürer (Vorsitzender der Staatlichen Plankommission) dankenswert deutlich gesagt, dass die hochverschuldete DDR entweder ihr (ohnehin schon recht niedriges) Konsumniveau für die Bevölkerung um 25 bis 30 Prozent senken müsse oder in die Zahlungsunfähigkeit rutsche. „Im internationalen Vergleich der Arbeitsproduktivität liegt die DDR gegenwärtig um 40 % hinter der BRD zurück“, schrieb Schürer. Tatsächlich war selbst das noch zu rosig gezeichnet: In Realität lag die DDR-Wirtschaft auf etwa einem Drittel der West-Produktivitätsniveaus.

Die West-Elite hat das völlig unterschätzt. Ein oft gehörtes Stereotyp besagte, die DDR zähle zu den „zehn führenden Industrieländern der Welt“. Helmut Kohl beklagte in seinen Memoiren, wie falsch man „selbst mit den pessimistischsten Schätzungen“ über den Wert des DDR-Produktionskapitals gelegen habe. Dass die DDR es geschafft habe, den wahren Zustand ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu verdecken, „kann man nur als eines der größten Täuschungsmanöver des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen“, so Kohl. Die Wahrheit ist, viele ließen sich bereitwillig täuschen. Der Westen war auf den Zusammenbruch der DDR weitgehend unvorbereitet, die Wiedervereinigung war weitgehend unvorbereitet. (Siehe hier, S. 31ff.)

Was mich rückblickend ärgert, ist die Ignoranz westdeutscher Eliten, die den Untergang des maroden sozialistischen Systems nicht kommen sahen.

Helmut Kohl hat dann immerhin energisch die Chance für eine Wiedervereinigung genutzt.

Leider wurden nach 1990 einige wirtschaftspolitische Fehler begangen. Der Wechselkurs 1:1 war politisch gesetzt, aus ökonomischer Sicht war er falsch. Die abrupte Aufwertung der DDR-Mark, die auf dem Schwarzmarkt 1:8 gehandelt wurde, hat der dortigen geringproduktiven Industrie und Wirtschaft noch einen zusätzlichen Schlag versetzt und den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft noch beschleunigt. Die hohe Arbeitslosigkeit in den neunziger Jahren war bedrückend.

Was mich ebenso empörte: Die Kohl-Regierung hat die kommunistischen Enteignungen in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) aus den Jahren 1945 bis 1949 nicht rückgängig gemacht, sondern das damals geraubte Gut behalten und wie ein Hehler weiterverkauft. Zehntausende Landbesitzer und Mittelständler, die damals enteignet und vertrieben worden waren, wurden nach 1990 abermals betrogen. (Hier ein längerer Artikel von mir dazu).

Das ist nun alles Geschichte. Die neuen Länder haben zwar bis heute nicht wirtschaftlich ganz aufgeschlossen, aber das Niveau ist doch beeindruckend. Heute, 2020, überwiegt die Freude darüber, dass der Sozialismus unterging und die Freiheit und die Marktwirtschaft gesiegt haben. Im Osten ist eine Re-Industrialisierung geglückt. Die “blühenden Landschaften” sind Realität geworden – allerdings um den Preis gigantischer Transfers von mehr als 1,5 Billionen Euro.

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Osten noch immer nicht wirtschaftlich auf das West-Niveau aufgeholt. Das Produktivitätsniveau stagniert bei etwa 75 Prozent des Westens. Das liegt neben anderem daran, dass es keine Zentralen von Großkonzernen in den „Neuen Ländern“ gibt und die hochbezahlten und hochproduktiven Forschungs- und Entwicklungszentren etc. fast alle im Westen liegen.

Auch politisch wurden viele Erwartungen enttäuscht. Die heutige Bundesrepublik ist leider nicht die beispielhafte freie Republik und Demokratie, die man sich erträumt. Es herrscht wieder eine bleierne Atmosphäre. Sachsen-Bashing ist in, die ostdeutschen Länder wurden als „Dunkeldeutschland“ verächtlich gemacht. Die Obrigkeit bezeichnet aufmüpfige demonstrierende Bürger als „Pack“. Viele Bürger haben das Gefühl, ihre Meinungsfreiheit sei eingeschränkt, sie dürften „nicht politisch korrekte“ Dinge besser nicht sagen.

Fragwürdige Entscheidungen werden in der EU und in Deutschland als „alternativlos“ durchgepeitscht, nicht-genehme demokratische Wahlen (eine Ministerpräsidentenwahl in Thüringen in diesem Jahr) sind „unverzeihlich“ und „rückgängig“ zu machen. Die umbenannte SED/PDS/Linkspartei herrscht in mehreren Ländern mit. Wer dagegen einer nicht-linken Partei angehört oder die falschen Presseerzeugnisse liest, wird an den Pranger gestellt.

Ich kann meinen Freund verstehen, der das alles grauenhaft findet. Ich kann die Wut und Verbitterung vieler verstehen, die damals andere Erwartungen hatten.

(Den Schwarzmarkt-Kurs der Ost-Mark hatte ich in der ursprünglichen Version mit 1:4 angegeben. Aufmerksame Leser haben mich darauf hingewiesen, dass der Kurs tatsächlich schlechter war. Er pendelte sich bei 1:8 ein. Der offizielle Umtauschkurs war 1:5.)

2 thoughts on “30 Jahre deutsche Wiedervereinigung – Dankbarkeit und Wut

  1. M. Gruber

    Exzellenter Analyse.
    Zwei Flüchtigkeitsfehler: bei “Tatsächlich war selbst das noch übertrieben” ist wohl untertrieben gemeint und die Transfersumme liegt bei mehr als 1,5 Billionen statt Milliarden €.

  2. Siegfried Reiprich

    Das ist ein guter Artikel. Ohne Eigentum keine Freiheit, und umgekehrt. Ohne Kapitalismus keine Demokratie und – umgekehrt.

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