Zensur und Meinungsdiktat auf dem Campus

Kürzlich gab es die Aufregung an der Universität Hamburg, weil der einstige AfD-Gründer Bernd Lucke nach fünf Jahren im Europaparlament auf seine Professur für Makroökonomik zurückgekehrt ist. Lucke will und muss seinen Pflichten als Hochschullehrer nachkommen und Vorlesungen halten. Ein wütender Mob wollte ihn daran hindern. „Nazi-Schweine raus aus der Uni“ lauteten die Sprechchöre von Antifa-Sympathisanten (die damit die echten Nazis grob verharmlosten). Die Hochschule zeigte anfangs nur halbherzige Bemühungen darum, das grundgesetzlich garantierte Recht des Hochschullehrers durchzusetzen. Sein Fall wirft ein Schlaglicht darauf, wie es um die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an Universitäten bestellt ist, wenn dort eine Gruppe von lautstarken Aktivisten meint bestimmen zu können, wer Rederecht hat und wer nicht. Kurz darauf wurde eine Lesung des ehemaligen Innenministers de Maizière in Göttingen von militanten Linken verhindert.

Was vor mehr als fünfzig Jahren als „Free Speech Movement“ an kalifornischen Universitäten begann, hat sich längst in das Gegenteil verkehrt: ein Anti-Free-Speech-Movement. Studenten (überwiegend linksorientierte) wollen diktieren, wer sich nicht äußern darf. Schon damals konnte man bei Marcuse in der Schrift über die „Repressive Toleranz“ lesen, dass sie Konservativen und Rechten kein Rederecht zugestehen. Die Einschüchterungstaktik geht auf. Immer mehr Dozenten werden nicht mehr eingeladen und müssen verstummen. Die FAZ-Bildungs- und Wissenschaftsredakteurin Heike Schmoll nannte dies die „Selbstzerstörung der Wissenschaft“, wenn kontroverse, offene Debatten nicht möglich sind, weil eine Seite im Namen von „politischer Korrektheit“ oder „Sensitivities“ kaum verholen Zensur ausübt.

In Deutschland gab es die Fälle Baberowski (der Osteuropahistoriker wird an der Humboldt-Uni von eine kleinen Gruppe linksextremer Studenten permanent verfolgt und verleumdet), Münkler (das Büro des Politologen an der HU wurde von Linken vandalisiert), Schönecker (der Philosoph hielt an der Uni Siegen ein Seminar zum Thema Meinungsfreiheit ab, seine Uni-Leitung entzog ihm aber die Mittel dafür, da auch der Autor Thilo Sarrazin und der Philosoph und AfD-Abgeordnete Marc Jongen als Redner auftraten) und die Attacken auf die Islamwissenschaftlerin Schröter (gegen deren Diskussionsveranstaltung in Frankfurt zum Kopftuch machten sowohl Muslime als auch Linke heftig Front).

In Großbritannien zeigt nun eine neue Umfrage unter Studenten, dass weniger als die Hälfte das Grundrecht auf Redefreiheit (für kontroverse Sprecher) an der Uni wirklich unterstützen und dass zwei von fünf die Politik des „No Platforming“ unterstützen. Es soll keine Plattform, keine Bühne geboten werden für Redner, mit denen man nicht übereinstimmt. Die „Times“ berichtet auf der Titelseite unter der Schlagzeile „Students turn against free speech amid ‚culture of conformity‘“ über diese Umfrage und Studie des Thinktanks Policy Exchange.

In der Umfrage äußerten mehr als 40 Prozent, dass es richtig gewesen sei, dass die Universität Cambridge dem kanadischen Psychologen und Bestsellerautor Jordan Peterson das Fellowship entzog, nachdem es Proteste gegen ihn gab. 44 Prozent finden es richtig, dass die Feministin Germaine Greer nicht an der Uni Cardiff sprechen durfte, weil sie anzweifelt, dass „Trans-Frauen“ wirklich Frauen seien. Immerhin nur eine Minderheit von 26 Prozent will die Auftritte des Politikers Jacob Rees-Mogg verbieten, 52 Prozent sind gegen eine Zensur des kontroversen Konservativen.

Zwei Tage nach der Umfrage veröffentlichte die „Times“ einen Kommentar von Alice Thomson, immerhin Vice Editor, die alles relativierte und schrieb „Students have every right to ban speakers“. Die sensiblen Studenten seien von den heftigen politischen Kontroversen unserer Zeit abgestoßen und wollten sich nur schützen. „In an increasingly polarized world some young people have merely decided not to offer a platform to a few self-publicists, to demonstrate their distaste for attitudes they believe are outdated”, schrieb Thomson. Was für ein Hohn und was für ein fundamentales Missverständnis des westlichen Freiheitsbegriffs, wie ihn John Stuart Mill geprägt hat.

Es kann nicht sein, dass „some young people“ anderen diktieren, wen sie reden hören. Es ist ja stets so, dass eine Gruppe durch lautstarke, teils gewalttätige Proteste die Einladung einer anderen Gruppe verhindert. Das ist (privat ausgeübte) Zensur durch Einschüchterung und Bedrohung. Wer nicht hören will, was Peterson oder Greer oder Rees-Mogg sagen, sollte einfach nicht hingehen, aber es ist verwerflich, andere daran zu hindern, sie selbst ein Bild zu machen.

Auch ist es verharmlosend, eine Zahl von lediglich neun verhinderten Auftritte in den vergangenen Jahren zu nennen – denn jeder heftige Protest und jede Absage hat einen „chilling effect“, er schreckt andere ab, überhaupt noch den Versuch zu unternehmen, non-konforme oder kontroverse Redner einzuladen. Jeder Dozent weiß, dass er Ärger bekommt, wenn er den „Sensibilitäten“ von linken, muslimischen oder bestimmten sexuellen Gruppen in die Quere kommt.

Also überlegt sich jeder Dozent lieber dreimal, was er sagt. (An der Uni Siegen hatte ich als Lehrbeauftragter selbst einmal das Erlebnis, dass ein anonymes Schreiben einer Gruppe an verschiedene Professoren und die Hochschulleitung mich politisch diffamieren wollte – ich habe es einfach ignoriert, aber es war unangenehm, zumal die anderen Professoren die akademische Freiheit nur sehr halbherzig verteidigten.)

Viele westliche Universitäten sind auf einer gefährlichen Rutschbahn in die Unfreiheit. Einziger Ausweg ist, dass sich mutige Studenten und Dozenten bewusst dem entgegenstellen, bewusst immer wieder „kontroverse“ Redner einladen und Themen aufgreifen. „Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“, sagte Perikles. Das galt vor 2500 Jahren ebenso wie heute.

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