Die britische Linke ist gespalten im Antisemitismusstreit

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Keir Starmer verstößt seinen Vorgänger Corbyn im Antisemitismus-Streit, doch der hat noch etliche Verbündete.

Es ist ein sagenhafter Absturz, den Jeremy Corbyn erlebt. Noch vor elf Monaten versuchte die Labour-Partei ihn zum Premierminister zu machen. Nun aber soll der Altlinke aus der Partei verstoßen werden, für die er seit fast vierzig Jahre im Unterhaus sitzt. Grund dafür ist Corbyns Versagen in einer langen Reihe von antisemitischen Vorfällen in der Labour-Partei und seine uneinsichtige Reaktion auf einen Untersuchungsbericht der staatlichen Gleichheits- und Menschenrechtskommission (EHRC). Ihr 130 Seiten starker Bericht spricht davon, dass Labour jüdische Mitglieder und Juden schikaniert und diskriminiert habe.

Für den neuen Parteichef Keir Starmer war das EHRC-Verdikt ein „Tag der Schande“ für die Partei. „Null Toleranz“ solle es für Antisemiten geben. Der 71-jährige Ex-Parteichef reagierte indes uneinsichtig. Zwar schrieb er, jeder Antisemit in der Partei sei einer zu viel, doch, so Corbyn, das „Ausmaß des Problems wurde dramatisch übertrieben“ von politischen Gegnern und den Medien. Nur drei Stunden später kam aus der Parteizentrale die Quittung: Corbyns Mitgliedschaft wird suspendiert bis zum Ausgang einer Untersuchung, und er fliegt aus der Labour-Fraktion in Westminster.

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Im Gedenken an Thilo Thielke

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Wie ein Schlag hat uns die Nachricht getroffen, dass mein Kollege, der Afrika-Korrespondent Thilo Thielke plötzlich und unerwartet verstorben ist. Gerade einmal 52 Jahre alt wurde er. In der vorvergangenen Nacht ist er in Tansania an einem Herzinfarkt gestorben. In Tansania besaß er seit sieben Jahren eine Lodge, ein kleines Hotel, nicht weit vom Kilimandscharo. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei minderjährige Kinder. Ihnen gilt mein tiefes Mitgefühl.

Wir wollten uns letztes Jahr noch in London treffen, haben uns knapp verpasst. In dieser Woche hatten wir eine gemeinsame Geschichte über Elfenbeinschmuggel und die Elefanten-Massaker der Wilderer vorbereitet. Das Überleben der Dickhäuter lag ihm am Herzen. „Am nächsten Montag könnte ich rausfahren in den Amboseli-Korridor. Dabei geht es darum, freie Korridore für die Elefanten aus dem relativ vollen Amboseli-Park in Kenia ins tansanische Kilimandscharo-Ökosystem zu schaffen“, schrieb er mir vor zwei Tagen. Daraus wird jetzt nichts mehr.

Thilo Thielke, geboren 1968 in Hannover, war ein außergewöhnlicher, furchtloser Reporter, ein Afrika-Korrespondent aus Leidenschaft. (Hier einige seiner Texte für die FAZ). Ja, Afrika lag ihm am Herzen, wie es jetzt im Nachruf heißt.

Er hat mich mit seiner offenen, sprudelnden Redeweise, seinen Erfahrungen und Berichten tief beeindruckt. Viele Journalisten fand er zu links und blauäugig. Über führende Nachrichtenmagazine und Zeitungen äußerte er sich zuweilen verächtlich; er hatte ja selbst fast zwei Jahrzehnte bei einem Nachrichtenmagazin in Hamburg gearbeitet, zu dessen Stars ein Herr Relotius zählte, und kannte als Insider, wie Geschichten mit dem richtigen Dreh gestrickt wurden. Lieber als den „Spiegel“ las er die „Weltwoche“ oder die „Achse des Guten“, für die er auch gelegentlich zur Feder griff (siehe hier und hier). Angela Merkels Politik der offenen Grenzen in der “Flüchtlingskrise” hielt er für fatal.

Thielke hat als Reporter viel Schreckliches gesehen. 1990 entdeckte er in Rumänien ein Kinderheim, in dem geistig behinderte Kinder und Jugendliche unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten wurden und einige starben. Später hat er für Spiegel-TV vom Balkan berichtet und grauenhafte Dinge, Massengräber etc. gesehen. Dann war er jahrelang in Nairobi, Bangkok und Kapstadt, zuletzt berichtete er seit 2018 als freier Autor für die F.A.Z. über ganz Subsahara-Afrika.

Als Anfang 2019 somalische islamistische Terroristen ein Hotel in der kenianischen Hauptstadt Nairobi überfielen und rumballerten, setzte sich Thielke kurzentschlossen ins Flugzeug und interviewte vor Ort schon Überlebende, als noch die letzten Schüsse der Al-Shabaab-Mörder knallten. Als es dann im Sudan krachte, flog Thielke hin und war bald in Khartum mittendrin, fuhr mit einem Fahrer zu Anti-Al-Bashir-Protesten und Straßenunruhen, sah brennende Barrikaden, hörte die Kugeln fliegen.

Er hat auch zahlreiche Reise-Bücher geschrieben, über Kenia, Tansania, die Philippinen und den bewegenden Bestseller „Eine Liebe in Auschwitz“ über die spektakuläre Flucht einer polnischen Jüdin und ihres Geliebten aus dem NS-Vernichtungslager und ihre tragische folgende Geschichte. Thielke schrieb auch Bücher über Fußball. Er war ein wunderbares Multitalent.

Der deutschen Heimat blieb er verbunden, auch wenn er sich der deutschen Politik und Gesellschaft immer mehr entfremdet fühlte. Thielke war ein konservativ-libertärer Marktwirtschaftler, ein Freidenker, ein Amerika- und Israel-Freund. Die Linksdrift der Parteien und vieler Medien hat er höchst skeptisch gesehen. Über den Gender-Irrsinn schüttelte er den Kopf. Grünlinke „woke“ Europäer, die sich in vermeintlich humanistischer Weise für eine Politik der offenen Grenzen und massenhafte Einwanderung für Afrikaner einsetzten, fand er gefährlich naiv. Wollte Europa wie Afrika werden? Mehr und mehr Parallelgesellschaften wie in Frankreich, dessen nordafrikanisch-arabische Banlieue-Vorstädte zunehmend islamisiert werden? Mehr Kriminalität? Das idealisierte Selbstbild der „Regenbogennation“ Südafrika fand er verlogen. Die Gewalt gegen weiße Farmer in Südafrika oder Zimbabwe hat er nicht verschwiegen.

Thilo Thielke hat die Probleme des Kontinents, die Korruption und Misswirtschaft der Potentaten, die sich Entwicklungshilfe-Geld in die Taschen steckten, das verbreitete Chaos und die lähmende Bürokratie, die hartnäckige Unbildung und den verbreiteten Aberglauben der Massen illusionslos beschrieben. Warum Afrika arm ist? Zu viel Korruption und zu viel Sozialismus, sagte er mir. Aktuell war er in Sorge, dass der „Medienhype“ um Corona zu extrem harten Lockdowns in Afrika führt, die viel schlimmere Auswirkungen haben als die eigentliche Krankheit, die nur relativ wenige Tote in Afrika fordert. Die schwere Wirtschaftskrise fordert Hunderttausende Tote; dass der Safari-Tourismus zum Erliegen kommt, bedrohte auch seine Lodge. Er fragte sich, wie er die Angestellten noch bezahlen sollte.

Wir haben häufiger Stücke gemeinsam geschrieben. Mal über hochverschuldete Länder des Kontinents, mal über den Einfluss der Chinesen, mal über Handel und Infrastruktur, mal über Wilderei und Schmuggel. Thilo Thielke war der bessere Schreiber von uns beiden, seine Passagen waren die spannenderen, lebensnahen. Ich habe mehr die Zahlen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge beigetragen.

Wenn wir telefonierten, hörte ich im Hintergrund oft Tierstimmen, irgendwelche Vögel oder Affen schreien. Es waren Klänge aus einer anderen, exotischen Welt.

Lieber Thilo Thielke, ich möchte mich verneigen vor einem großartigen Journalisten und Kollegen. Ich werde Sie vermissen.

30 Jahre deutsche Wiedervereinigung – Dankbarkeit und Wut

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Die westdeutschen linken Eliten haben die Wiedervereinigung nicht gewollt. Und auch die Kohl-Regierung hat große Fehler gemacht. Heute ist vieles geglückt – aber ich kann die enttäuschten Hoffnungen vieler verstehen.

Als die Mauer fiel, war ich zehn Jahre alt. Meine Mutter weckte mich am Abend des 9. November 1989, holte mich zum Fernseher. Ihr kamen die Tränen, als sie die Bilder sah. Deutschlandfahnen, Menschen feiern und jubeln am Brandenburger Tor. Ein paar Monate später, im Winter 1989/1990 fuhr ich mit meinem Vater nach Dresden, zu Bekannten; für mich war es das erste Mal in meinem Leben in der DDR. Mein Vater hatte das Dresdner Ehepaar im November 1989 nach einem Aufruf des Roten Kreuzes, DDR-Bürger zu empfangen, am Münchner Hauptbahnhof aufgegabelt und bei sich untergebracht. Nun der Besuch bei ihnen, in Freital nahe Dresden.

Am Grenzübergang zwischen Bayern und Sachsen stoppten wir, gingen auf ein Feld, den ehemaligen Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze entlang. Es war bitterkalt. Wir kletterten auf einen der verlassenen Wachtürme. Die Scheiben in der Wachstube waren zersplittert, es zog ein eisiger Wind durch. Hier oben hatten DDR-Grenzsoldaten endlose Nächte gestanden und überwacht, ob nicht ein „Republikflüchtiger“ die Grenzanlagen zu überwinden versuchte. Als wir in Dresden aus unserem Auto stiegen, fiel mir der beißende Rauch in der Luft, der Geruch von den vielen Kohleheizungen auf. Wir konnten die ersten Minuten kaum atmen. Überall graue Fassaden mit herabblätterndem Putz. Von der Frauenkirche stand nur ein Mauerteil, der Rest war ein großer Trümmerhaufen. Davor das Luther-Denkmal.

Was hat sich seitdem alles getan, seit dem Untergang des SED-Staats. Das einstige graue Land ist neu erblüht. So viele wunderbare Reisen haben wir seitdem in die Ex-DDR, die „neuen Länder“ unternommen: Dresden, Leipzig, Erfurt, Weimar, Eisenach, Magdeburg, Potsdam, Berlin, die Mecklenburgische Seenplatte, Spreewald, Stralsund, Rügen.

Einer meiner besten Freunde, heute Patenonkel eines meiner Söhne, ist Brandenburger. Er wurde geboren als Sohn eines Pastors nördlich von Berlin, in der Uckermark. Seine Familie kannte die Kasners und auch die Tochter des „Roten Kasners“, er traf sie auf Grillfesten unter Pfarrern in der späten DDR. Für ihn kam das Ende der DDR gerade rechtzeitig. Trotz guten Abiturs wollte die SED nicht, dass der Pfarrerssohn studiert, der nicht in der FDJ war (anders als des Kasners Tochter), er musste eine Lehre machen. Erst nach dem Mauerfall durfte er an die Uni. Heute hat er schöne Karriere gemacht und lebt, nach Stationen in Berlin, London, Moskau und Dresden, mit seiner Familie in Sachsen auf dem Land.

Ein Großteil der westdeutschen linken Intellektuellen und der politischen Elite hat die Wiedervereinigung nicht gewollt. Sehr viele, vielleicht sogar die meisten tonangebenden westlichen Meinungsführer waren 1989 gegen die Wiedervereinigung, manche polemisierten regelrecht. Der damalige „Zeit“-Herausgeber Theo Sommer schrieb in seinem Blatt: „Wer heute das Gerippe der deutschen Einheit aus dem Schrank holt, kann alle anderen nur in Angst und Schrecken versetzen“. Der spätere Bundeskanzler Schröder bezeichnete wenige Monate vor dem Mauerfall eine auf die Wiedervereinigung gerichtete Politik als „reaktionär und hochgradig gefährlich“. Ein anderer großer SPD-Politiker verdammte selbst den Gebrauch des Wortes „Wiedervereinigung“ als „opportunistisch und widerwärtig“, Egon Bahr warnte damals dringend vor der „politischen Umweltverschmutzung“ einer „Illusion der Wiedervereinigung“.

In den westdeutschen linksliberalen Medien wurde schon seit den 1960er Jahren die DDR schöngefärbt, wie es der Historiker Jens Hacker dargestellt hat. Sie verbreiteten ein geschöntes Bild der DDR. Selbstkritisch bemerkte die WDR-Redakteurin Carola Stern nach 1989 zur Haltung der „Anhänger der Entspannungspolitik“: „Eine ganze Zeit lang gehörte es in den Redaktionsstuben nicht zum guten Ton, allzu ‚Unfreundliches‘ über den SED-Staat mitzuteilen. … Wir glichen uns dem allgemeinen Klima an, und so kam es schließlich, dass wir ein viel zu positives Bild der DDR vermittelt haben.“ Und Klaus Bresser hat als ZDF-Chefredakteur 1990 zugegeben, dass der „Mainstream“ einer Fiktion über die DDR erlegen sei, nämlich der „Fiktion einer materiell halbwegs saturierten Gesellschaft, die von der Herrschaft der Nomenklatura längst zu einem Regime von Spezialisten in Wirtschaft, Technik und Forschung übergegangen sei“. Wer auf die repressiven Seiten des kommunistischen Herrschaftssystems hinwies, wie etwa Gerhard Löwenthal, wurde als „Kalter Krieger“ diffamiert. Alles in allem haben viele Medien in ihrer Berichterstattung über die DDR versagt.

1989 war also alles vorbei. Die DDR kollabierte. Ich freute mich, konnte aber die Tragweite der Entwicklung damals in keiner Weise verstehen. Die DDR war pleite, gescheitert an ihrem eigenen System, der sozialistischen Planwirtschaft.

Im sogenannten Schürer-Bericht, einem Geheimgutachten für die SED-Spitze, hatte der damalige hohe DDR-Funktionär Gerhard Schürer (Vorsitzender der Staatlichen Plankommission) dankenswert deutlich gesagt, dass die hochverschuldete DDR entweder ihr (ohnehin schon recht niedriges) Konsumniveau für die Bevölkerung um 25 bis 30 Prozent senken müsse oder in die Zahlungsunfähigkeit rutsche. „Im internationalen Vergleich der Arbeitsproduktivität liegt die DDR gegenwärtig um 40 % hinter der BRD zurück“, schrieb Schürer. Tatsächlich war selbst das noch zu rosig gezeichnet: In Realität lag die DDR-Wirtschaft auf etwa einem Drittel der West-Produktivitätsniveaus.

Die West-Elite hat das völlig unterschätzt. Ein oft gehörtes Stereotyp besagte, die DDR zähle zu den „zehn führenden Industrieländern der Welt“. Helmut Kohl beklagte in seinen Memoiren, wie falsch man „selbst mit den pessimistischsten Schätzungen“ über den Wert des DDR-Produktionskapitals gelegen habe. Dass die DDR es geschafft habe, den wahren Zustand ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu verdecken, „kann man nur als eines der größten Täuschungsmanöver des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnen“, so Kohl. Die Wahrheit ist, viele ließen sich bereitwillig täuschen. Der Westen war auf den Zusammenbruch der DDR weitgehend unvorbereitet, die Wiedervereinigung war weitgehend unvorbereitet. (Siehe hier, S. 31ff.)

Was mich rückblickend ärgert, ist die Ignoranz westdeutscher Eliten, die den Untergang des maroden sozialistischen Systems nicht kommen sahen.

Helmut Kohl hat dann immerhin energisch die Chance für eine Wiedervereinigung genutzt.

Leider wurden nach 1990 einige wirtschaftspolitische Fehler begangen. Der Wechselkurs 1:1 war politisch gesetzt, aus ökonomischer Sicht war er falsch. Die abrupte Aufwertung der DDR-Mark, die auf dem Schwarzmarkt 1:8 gehandelt wurde, hat der dortigen geringproduktiven Industrie und Wirtschaft noch einen zusätzlichen Schlag versetzt und den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft noch beschleunigt. Die hohe Arbeitslosigkeit in den neunziger Jahren war bedrückend.

Was mich ebenso empörte: Die Kohl-Regierung hat die kommunistischen Enteignungen in der SBZ (Sowjetisch Besetzte Zone) aus den Jahren 1945 bis 1949 nicht rückgängig gemacht, sondern das damals geraubte Gut behalten und wie ein Hehler weiterverkauft. Zehntausende Landbesitzer und Mittelständler, die damals enteignet und vertrieben worden waren, wurden nach 1990 abermals betrogen. (Hier ein längerer Artikel von mir dazu).

Das ist nun alles Geschichte. Die neuen Länder haben zwar bis heute nicht wirtschaftlich ganz aufgeschlossen, aber das Niveau ist doch beeindruckend. Heute, 2020, überwiegt die Freude darüber, dass der Sozialismus unterging und die Freiheit und die Marktwirtschaft gesiegt haben. Im Osten ist eine Re-Industrialisierung geglückt. Die “blühenden Landschaften” sind Realität geworden – allerdings um den Preis gigantischer Transfers von mehr als 1,5 Billionen Euro.

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung hat der Osten noch immer nicht wirtschaftlich auf das West-Niveau aufgeholt. Das Produktivitätsniveau stagniert bei etwa 75 Prozent des Westens. Das liegt neben anderem daran, dass es keine Zentralen von Großkonzernen in den „Neuen Ländern“ gibt und die hochbezahlten und hochproduktiven Forschungs- und Entwicklungszentren etc. fast alle im Westen liegen.

Auch politisch wurden viele Erwartungen enttäuscht. Die heutige Bundesrepublik ist leider nicht die beispielhafte freie Republik und Demokratie, die man sich erträumt. Es herrscht wieder eine bleierne Atmosphäre. Sachsen-Bashing ist in, die ostdeutschen Länder wurden als „Dunkeldeutschland“ verächtlich gemacht. Die Obrigkeit bezeichnet aufmüpfige demonstrierende Bürger als „Pack“. Viele Bürger haben das Gefühl, ihre Meinungsfreiheit sei eingeschränkt, sie dürften „nicht politisch korrekte“ Dinge besser nicht sagen.

Fragwürdige Entscheidungen werden in der EU und in Deutschland als „alternativlos“ durchgepeitscht, nicht-genehme demokratische Wahlen (eine Ministerpräsidentenwahl in Thüringen in diesem Jahr) sind „unverzeihlich“ und „rückgängig“ zu machen. Die umbenannte SED/PDS/Linkspartei herrscht in mehreren Ländern mit. Wer dagegen einer nicht-linken Partei angehört oder die falschen Presseerzeugnisse liest, wird an den Pranger gestellt.

Ich kann meinen Freund verstehen, der das alles grauenhaft findet. Ich kann die Wut und Verbitterung vieler verstehen, die damals andere Erwartungen hatten.

(Den Schwarzmarkt-Kurs der Ost-Mark hatte ich in der ursprünglichen Version mit 1:4 angegeben. Aufmerksame Leser haben mich darauf hingewiesen, dass der Kurs tatsächlich schlechter war. Er pendelte sich bei 1:8 ein. Der offizielle Umtauschkurs war 1:5.)

Kult der Korrektheit

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Eine neue Studie heizt die Diskussion um die Meinungsfreiheit an britischen Universitäten an. Ihr zufolge greifen konservative Hochschullehrer vermehrt zur Selbstzensur, um stigmatisierenden Angriffen vorzubeugen.

Der einst so liberale Geist, der britische Hochschulen auszeichnete, scheint sich zu verflüchtigen. Eine neue Umfrage unter Professoren und Dozenten hat die Diskussion über eine „Cancel Culture“ unter Akademikern angeheizt. Es gebe Diskriminierung und Einschüchterung, dies könne zu Selbstzensur führen und damit die Wissenschaftsfreiheit zerstören, so das Fazit der Studie „Academic freedom in the UK“…

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Ein schwarzer Kritiker des Rassismus-Schlagworts

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Thomas Sowell, einer der wichtigsten afro-amerikanischen Ökonomen, steht quer zum Zeitgeist.

Die „Black Lives Matter“-Bewegung hat in Amerika und auf der ganzen Welt einen neuen Rassismusstreit angefacht: Ein breiter Strom von Aktivisten und Politikern beklagt strukturellen Rassismus, Diskriminierung und Benachteiligungen von Schwarzen, die niedrigeren Einkommen und hohen Inhaftierungszahlen. Kulturelle und soziale Faktoren auch innerhalb ihrer Milieus werden hingegen kaum diskutiert, etwa der hohe Anteil an zerbrochenen Familien, hohe Schulabbrecherquoten, Drogen-, Macho-, Gangsterrap-Kultur und grassierende Gewaltkriminalität in vorwiegend afroamerikanischen Stadtvierteln.

Ein Mann, der sich fast sein ganzes Leben als Betroffener, als Ökonom, Soziologe und Historiker mit den Fragen beschäftigt, warum es Ungleichheiten und Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen gibt, ist Thomas Sowell. Sowell war einer der ersten bekannten schwarzen Wirtschaftsprofessoren in den Vereinigten Staaten und jahrzehntelang Zeitungskolumnist, noch heute hat er eine große Fangemeinde. Seit seiner Doktorarbeit an der Universität Chicago im Jahr 1968 hat er an renommierten Hochschulen wie die Universität von Kalifornien in Los Angeles gelehrt, zuletzt forschte er an der Hoover Institution der Stanford Universität. Er hat eine beeindruckende Reihe von fast dreißig Büchern geschrieben.

Der Chicago- und Standford-Ökonom John Cochrane meinte jüngst in seinem Blog, anlässlich eines Artikels im „City Journal“ zu Sowells 90. Geburtstag, wenn das Stockholmer Komitee der Schwedischen Wissenschaftsakademie nach einem schwarzen Kandidaten für den Nobelpreis in diesem Herbst suche, sollte es ernsthaft über Sowell nachdenken.

Das wird wohl nicht passieren, denn Thomas Sowell steht quer zum Zeitgeist. Er ist ein scharfer Kritiker schwarzer Klischeepolitik ist. Harte Worte hat er gegen „Progressive“, die überall Rassismus wittern. „Das Wort Rassismus ist wie Ketchup, man kann es praktisch auf alles draufschmieren – und wenn man nach Belegen fragt, macht einen das zum Rassisten“, schrieb Sowell. Seiner Meinung nach ist der Rassismus-Vorwurf oft nur ein politisch-ideologisches Schlagwort, eine billige Keule, die kompliziertere Argumente abwehren soll.

Sowell weiß selbst nur zu gut, wie schwer es Schwarze in den Vereinigten Staaten hatten und haben. Die Karriere zum Wirtschaftsprofessor war ihm nicht in die Wiege gelegt. Sein Lebensweg, den er in „A Personal Odyssey“ beschreibt, begann 1930 in North Carolina in einem Ort mit fast nur afroamerikanischer Bevölkerung, in jungen Jahren wurde er Halbwaise. Eine Großtante adoptierte ihn, zog mit ihm nach New York, dort wuchs er im Ghettoviertel Harlem auf. Als Teenager war er regelmäßig Opfer von Schlägerbanden, mit der Tante verkrachte er sich. Die Schule brach er ab, ging zum Militär, arbeitete als Photograph.

Erst auf dem zweiten Bildungsweg kam er an ein „schwarzes“ College, schließlich nach Harvard. Der junge Ökonom arbeitete im Arbeitsministerium, wo er die schlechte Wirkung eines hohen Mindestlohnes auf die Beschäftigungschancen junger Schwarzer erkannte. Als junger Mann war er Marxist, in Chicago wurde er zum Liberalen. Vor allem George Stigler, Milton Friedman, Gary Becker sowie Friedrich August von Hayek haben sein marktwirtschaftliches, staatsskeptisches Denken geprägt.

Seit den siebziger Jahren hat er sozio-ökonomische und demographische Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen untersucht, daraus gingen Bücher wie „Race and Economics“, „Ethnic America“ und „The Economics and Politics of Race“ hervor. Sowells Erkenntnis: Es ist falsch, nur Unterschiede zwischen „Weißen“ und „Schwarzen“ zu betonen, es gibt auch große sozio-ökonomische Unterschiede zwischen und innerhalb anderer Gruppen. Juden, die im späten 19. Jahrhundert mittellos aus Osteuropa nach Amerika kamen, schafften es trotz antisemitischer Diskriminierungen ganz nach oben. Auch chinesische Arbeiter-Immigranten in Kalifornien sowie die Japaner, die im Zweiten Weltkrieg massenhaft interniert waren, verdienten später deutlich mehr als der Durchschnitt. In vielen anderen Ländern gelang es Minderheiten, sehr erfolgreich zu sein.

Die Gründe dafür waren vielfältig, teils liegt es an historischen Zufälle, wann und wie Einwanderer in ein Land kamen und wo sie siedelten, ob in prosperierenden oder absteigenden Regionen. Ein Schlüsselwort für den Aufstieg lautete aber meist „Humankapital“ – Talent, Bildung und Fleiß. Gleichzeitig ist es ein Faktum, dass eher ärmere Bevölkerungsschichten eine größere Kinderzahl haben, betont Sowell. Das kann einen negativen Kreislauf in Gang setzen: Viele Kinder, schlechte Ausbildung, wenig Einkommen, hohe Delinquenz, zerbrochene Familien etc..

Seit den sechziger Jahren unternahmen amerikanische Regierungen, angefangen mit dem Demokraten Lyndon B. Johnson, den Versuch, durch eine umgekehrte oder „positive“ Diskriminierung mehr Schwarzen Universitätskarrieren zu ermöglichen; zudem gibt es Gesetze, dass Unternehmen von Minderheiten bei Staatsaufträgen bevorzugt werden. Sowell hat in seinem Buch „Affirmative Action around the World“ (2004) gezeigt, dass solche Quoten- und Positiv-Diskriminierungspolitik, die auch in Staaten wie Malaysia, Sri Lanka, China und Nigeria praktiziert wird, nicht die gewünschten Resultate bringt. Stattdessen ruft sie viel böses Blut und Klagen über Ungleichbehandlungen hervor. Von den Staatsaufträgen profitiert oft eine kleine Schicht bevorzugter Minderheits-Millionäre, nicht die Masse der Benachteiligten. Und werden gering-qualifizierte schwarze Bewerber per Vorzugsbehandlung an Eliteuniversitäten geholt, scheitern sie oft, die Studiumsabbrecherquoten sind hoch.

Sowell hält nichts von umgekehrt rassistischer Quotenpolitik. Stattdessen plädiert er leidenschaftlich für ein besseres Schulsystem, zuletzt in seinem vor kurzem erschienenen Buch „Charter Schools and their Enemys“. Charterschulen sind Schulen in freier, privater Trägerschaft, die vom Staat (mit-)finanziert werden. Sowell zeigt, wie solche freien Schulen – gerade auch für schwarze Kinder – bessere Resultate erzielen. Der konservative Ökonom wettert gegen linke Lehrergewerkschaften und Politiker, die solchen privaten Schulinitiativen behindern. Eine verfehlte „progressive“ Bildungs- und Sozialpolitik sei es, die gerade Kinder aus bildungsschwachen, schwarzen Familien im Abseits gefangen halte. Nicht Rassismus, sondern – oft gut gemeinte – falsche Politik ist seiner Meinung nach das Hauptproblem. Dem aktuellen Rassismusstreit täte es gut, die Perspektive zu ändern.

Coleman Hughes: The Nonconformist (Porträt über Thomas Sowell), in City Journal, Sommer 2020.

Der “unsichtbare Killer” lähmt London

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Geschäfte, Restaurants und Pubs sind noch geöffnet in der britischen Hauptstadt – doch es kommen kaum Kunden aus Angst vor dem Coronavirus. Supermärkte wollen Panikkäufer stoppen. Die Stimmung ist wie auf einer Beerdigung. Die Regierung verspricht viel Geld.

Es ist gespenstisch leer im Zentrum. Manche bizarre Attraktion buhlt hier um Besucher, etwa „Body Worlds“ am Piccadilly Circus, die Ausstellung mit den präparierten Leichen. „Normalerweise haben wir mindestens dreihundert Besucher an einem Wochentag, heute sind nur dreißig gekommen“, sagt der Kassierer am späten Dienstagnachmittag. Wie es weitergeht? Der Mann zuckt die Schultern.

„Wir stehen im Krieg mit einem unsichtbaren Killer“, tönt Gesundheitsminister Matt Hancock. Nachdem der Regierung Boris Johnson ein zu lasches Vorgehen gegen die Coronavirus-Pandemie vorgeworfen wurde, macht sie nun eine Kehrtwende. Johnson rief alle Bürger auf, soziale Kontakte weitgehend zu stoppen und nicht mehr in Kneipen, Klubs und Theater zu gehen.

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Ein Ende der Brexit-Blockade

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Dieser überraschend deutliche Ausgang der britischen Parlamentswahl markiert eine Zäsur für das Land und Europa. Der haushohe Sieg der Konservativen von Boris Johnson und der Absturz von Labour unter dem Linksaußen Jeremy Corbyn schaffen Klarheit über die künftige Richtung. Damit haben die Wähler das Brexit-Votum von 2016 bestätigt und einer Linkswende eine Absage erteilt. Nach dreieinhalb Jahren quälender (Selbst-)Blockade des Parlaments und Gezerre um den Brexit kann Johnson darunter einen Schlussstrich ziehen. Nun wird das Parlament den Austrittsvertrag annehmen und den Brexit zum 31. Januar beschließen.

Johnson, den seine zahlreichen Gegner in der europäischen Politik und Presse gerne als „Clown“ dargestellt und unterschätzt haben, hat mit einer geschickten Kampagne seine Macht gefestigt und eine so große Tory-Mehrheit errungen, wie man sie seit Thatchers Triumphen in den achtziger Jahren nicht mehr sah. Dutzendweise gewannen Johnsons Konservative in den einstigen Labour-Hochburgen Mandate. Viele Arbeiter haben sich von Corbyn wegen seines als Verrat empfundenen Brexit-Wackelkurses abgewendet. In der Mittelschicht und in Unternehmerkreisen atmen viele auf, dass ihnen eine Regierung von Corbyns Clique erspart bleibt. Im engeren Umkreis des Labour-Chefs tummeln sich Hardcore-Sozialisten, Marxisten und Ideologen. Corbyn selbst fiel mit zweifelhaften Aussagen zu „antiimperialistischen“ Diktatoren und islamistischen Terrorgruppen auf. Ihre Unfähigkeit, die lange Reihe antisemitischer Ausfälle von Labour-Mitgliedern wirksam zu unterbinden, hat der Partei ebenfalls schwer geschadet.

In den Augen der Wähler wirkten zudem die märchenhaften Ausgabenprogramme in hundertfachem Milliardenvolumen, die Labour versprach, überzogen und unglaubwürdig. Höher Steuern für die Mittelschicht wären die unvermeidbare Folge gewesen. Auch die versprochene Verstaatlichungswelle war nicht nach jedermanns Geschmack, zumal sich noch einige Briten an den Niedergang der verstaatlichten Industrien in den siebziger Jahren erinnern. In diese Zeit will kaum einer zurück. Corbyns Scheitern könnte auch manchem in der SPD zu denken geben, der sich nach einem prononcierten Linkskurs sehnt.

Nun also wird Boris Johnson das Land führen. Die Konservativen geben sich traditionell wirtschafts- und unternehmerfreundlich. Allerdings hat Johnson ein bemerkenswertes Signal gesendet, als er eine schon fest geplante Senkung der Unternehmenssteuer stornierte, um mehr Geld für Krankenhäuser zu reservieren. Es wird keinen „Thatcherismus auf Steroiden“ (Aufputschmitteln) geben, wie Corbyn es formulierte. Vielmehr haben die Tories eine vorsichtige Kurskorrektur eingeleitet. Sie bemühen sich um eine Abkehr vom langjährigen, harten Sparkurs, allerdings mit Augenmaß. Mehr Investitionen und Ausgaben für den unterfinanzierten Gesundheitsdienst sind dringend nötig, die Zustände in manchen Krankenhäusern schreien danach. Auch mehr Geld für Schulen und die Polizei findet breite Zustimmung. Angesichts des konjunkturellen Abschwungs und der niedrigen Zinsen ist ein höheres Haushaltsdefizit nicht unvernünftig. Eine Schuldenorgie wie bei Labour soll es aber nicht werden.

Die für die exportorientierte Industrie wichtigste Frage ist die nach den künftigen Beziehungen zur EU nach dem Ablauf der knappen Übergangsfrist bis Ende 2020. Ein möglichst umfassendes, tiefes Freihandelsabkommen wäre höchst wünschenswert, sonst drohen auf beiden Seiten empfindliche Einbußen. Wie schon beim „Deal“, den Johnson im Oktober mit der EU aushandelte, könnte sich der Premier flexibel zeigen. Dass die Tories eine komfortable Mehrheit errungen haben, gibt Johnson mehr Spielraum und macht ihn unabhängiger von den Stimmen der Brexit-Hardcorefraktion. Es ist ihm zuzutrauen, dass er entgegen vielen Befürchtungen die Übergangsfrist verlängert und einen weichen EU-Austritt ermöglicht.

Mit dem Austritt der Briten – die immerhin zweitgrößte europäische Volkswirtschaft, starke Militärmacht und große Kulturnation sind – erleidet EU-Europa einen herben Verlust. Die Briten waren oft ordnungspolitischer Verbündeter Deutschlands und Gegengewicht zu den zentralistisch denkenden Franzosen. Nun kehren sie der „immer engeren Union“ den Rücken und wollen lieber als unabhängige Nation mit globalem Horizont ihr Glück suchen. Das Brexit-Votum war zum Gutteil motiviert vom Wunsch, die eigene Souveränität nicht in einem europäischen Superstaat aufzugeben. Großbritannien kann auch eigenständig erfolgreich sein. Viele Brexit-Katastrophenprognosen haben sich als überzogen herausgestellt. Die Briten könnten beweisen, dass es auch außerhalb der EU ein Heil gibt.

Juden in der Labour-Party warnen: Wählt nicht unseren Chef

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Es war im beginnenden Wahlkampf für die meisten nur eine Randnotiz, doch eine mit großem Symbolgehalt: Der Verband Jewish Labour Movement (JLM) erklärt offiziell, dass er den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn im Wahlkampf nicht unterstützen wird. »Seit der Wahl von Jeremy Corbyn zum Labour-Anführer 2015 wurde zugelassen, dass sich eine Kultur des Antisemitismus in der Partei auf allen Ebenen ausbreitet und festsetzt«, klagt die Organisation, die nach eigenen Angaben gut 2000 Mitglieder hat.

Es gebe einfach zu viele Vorfälle und Skandale – »von den Wandgemälden bis zu den Kränzen«, wie das Jewish Labour Movement andeutungsweise schreibt. Corbyn verteidigte vergangenes Jahr ein Londoner Wandbild mit hakennasigen Bankiers, unter deren Monopoly-Tisch sich Hungernde krümmten. Und vor fünf Jahren legte er in Tunis einen Blumenkranz für »palästinensische Märtyrer« nieder, die sich als Schwarzer-September-Terroristen herausstellten, die 1972 bei den Olympischen Spielen in München elf jüdische Sportler ermordet hatten.

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(Der Artikel erschien in der “Jüdischen Allgemeinen” am 16. November)

Zensur und Meinungsdiktat auf dem Campus

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Kürzlich gab es die Aufregung an der Universität Hamburg, weil der einstige AfD-Gründer Bernd Lucke nach fünf Jahren im Europaparlament auf seine Professur für Makroökonomik zurückgekehrt ist. Lucke will und muss seinen Pflichten als Hochschullehrer nachkommen und Vorlesungen halten. Ein wütender Mob wollte ihn daran hindern. „Nazi-Schweine raus aus der Uni“ lauteten die Sprechchöre von Antifa-Sympathisanten (die damit die echten Nazis grob verharmlosten). Die Hochschule zeigte anfangs nur halbherzige Bemühungen darum, das grundgesetzlich garantierte Recht des Hochschullehrers durchzusetzen. Sein Fall wirft ein Schlaglicht darauf, wie es um die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit an Universitäten bestellt ist, wenn dort eine Gruppe von lautstarken Aktivisten meint bestimmen zu können, wer Rederecht hat und wer nicht. Kurz darauf wurde eine Lesung des ehemaligen Innenministers de Maizière in Göttingen von militanten Linken verhindert.

Was vor mehr als fünfzig Jahren als „Free Speech Movement“ an kalifornischen Universitäten begann, hat sich längst in das Gegenteil verkehrt: ein Anti-Free-Speech-Movement. Studenten (überwiegend linksorientierte) wollen diktieren, wer sich nicht äußern darf. Schon damals konnte man bei Marcuse in der Schrift über die „Repressive Toleranz“ lesen, dass sie Konservativen und Rechten kein Rederecht zugestehen. Die Einschüchterungstaktik geht auf. Immer mehr Dozenten werden nicht mehr eingeladen und müssen verstummen. Die FAZ-Bildungs- und Wissenschaftsredakteurin Heike Schmoll nannte dies die „Selbstzerstörung der Wissenschaft“, wenn kontroverse, offene Debatten nicht möglich sind, weil eine Seite im Namen von „politischer Korrektheit“ oder „Sensitivities“ kaum verholen Zensur ausübt.

In Deutschland gab es die Fälle Baberowski (der Osteuropahistoriker wird an der Humboldt-Uni von eine kleinen Gruppe linksextremer Studenten permanent verfolgt und verleumdet), Münkler (das Büro des Politologen an der HU wurde von Linken vandalisiert), Schönecker (der Philosoph hielt an der Uni Siegen ein Seminar zum Thema Meinungsfreiheit ab, seine Uni-Leitung entzog ihm aber die Mittel dafür, da auch der Autor Thilo Sarrazin und der Philosoph und AfD-Abgeordnete Marc Jongen als Redner auftraten) und die Attacken auf die Islamwissenschaftlerin Schröter (gegen deren Diskussionsveranstaltung in Frankfurt zum Kopftuch machten sowohl Muslime als auch Linke heftig Front).

In Großbritannien zeigt nun eine neue Umfrage unter Studenten, dass weniger als die Hälfte das Grundrecht auf Redefreiheit (für kontroverse Sprecher) an der Uni wirklich unterstützen und dass zwei von fünf die Politik des „No Platforming“ unterstützen. Es soll keine Plattform, keine Bühne geboten werden für Redner, mit denen man nicht übereinstimmt. Die „Times“ berichtet auf der Titelseite unter der Schlagzeile „Students turn against free speech amid ‚culture of conformity‘“ über diese Umfrage und Studie des Thinktanks Policy Exchange.

In der Umfrage äußerten mehr als 40 Prozent, dass es richtig gewesen sei, dass die Universität Cambridge dem kanadischen Psychologen und Bestsellerautor Jordan Peterson das Fellowship entzog, nachdem es Proteste gegen ihn gab. 44 Prozent finden es richtig, dass die Feministin Germaine Greer nicht an der Uni Cardiff sprechen durfte, weil sie anzweifelt, dass „Trans-Frauen“ wirklich Frauen seien. Immerhin nur eine Minderheit von 26 Prozent will die Auftritte des Politikers Jacob Rees-Mogg verbieten, 52 Prozent sind gegen eine Zensur des kontroversen Konservativen.

Zwei Tage nach der Umfrage veröffentlichte die „Times“ einen Kommentar von Alice Thomson, immerhin Vice Editor, die alles relativierte und schrieb „Students have every right to ban speakers“. Die sensiblen Studenten seien von den heftigen politischen Kontroversen unserer Zeit abgestoßen und wollten sich nur schützen. „In an increasingly polarized world some young people have merely decided not to offer a platform to a few self-publicists, to demonstrate their distaste for attitudes they believe are outdated”, schrieb Thomson. Was für ein Hohn und was für ein fundamentales Missverständnis des westlichen Freiheitsbegriffs, wie ihn John Stuart Mill geprägt hat.

Es kann nicht sein, dass „some young people“ anderen diktieren, wen sie reden hören. Es ist ja stets so, dass eine Gruppe durch lautstarke, teils gewalttätige Proteste die Einladung einer anderen Gruppe verhindert. Das ist (privat ausgeübte) Zensur durch Einschüchterung und Bedrohung. Wer nicht hören will, was Peterson oder Greer oder Rees-Mogg sagen, sollte einfach nicht hingehen, aber es ist verwerflich, andere daran zu hindern, sie selbst ein Bild zu machen.

Auch ist es verharmlosend, eine Zahl von lediglich neun verhinderten Auftritte in den vergangenen Jahren zu nennen – denn jeder heftige Protest und jede Absage hat einen „chilling effect“, er schreckt andere ab, überhaupt noch den Versuch zu unternehmen, non-konforme oder kontroverse Redner einzuladen. Jeder Dozent weiß, dass er Ärger bekommt, wenn er den „Sensibilitäten“ von linken, muslimischen oder bestimmten sexuellen Gruppen in die Quere kommt.

Also überlegt sich jeder Dozent lieber dreimal, was er sagt. (An der Uni Siegen hatte ich als Lehrbeauftragter selbst einmal das Erlebnis, dass ein anonymes Schreiben einer Gruppe an verschiedene Professoren und die Hochschulleitung mich politisch diffamieren wollte – ich habe es einfach ignoriert, aber es war unangenehm, zumal die anderen Professoren die akademische Freiheit nur sehr halbherzig verteidigten.)

Viele westliche Universitäten sind auf einer gefährlichen Rutschbahn in die Unfreiheit. Einziger Ausweg ist, dass sich mutige Studenten und Dozenten bewusst dem entgegenstellen, bewusst immer wieder „kontroverse“ Redner einladen und Themen aufgreifen. „Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“, sagte Perikles. Das galt vor 2500 Jahren ebenso wie heute.

Jeremy Corbyn – ein Marxist kurz vor der Macht

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Dass ein Altlinker wie Jeremy Corbyn, der wichtige Teile der Wirtschaft verstaatlichen will und tief in Antisemitismus-Skandalen steckt, nahe an die Regierungsmacht im Vereinigten Königreich kommen könnte – noch vor ein paar Jahren hätte man das für sehr unwahrscheinlich gehalten. Doch inmitten der Brexit-Wirren ist es nicht ganz ausgeschlossen. Premierminister Boris Johnson könnte bald stürzen. Corbyn will in die Downing Street. Dann heißt es “Socialism in the UK”.

Hier ein Porträt von Jeremy Corbyn.